Zum Internationalen Jahr des Riffes 2008 warnt der WWF vor
der Zerstörung der Kaltwasser-Korallenriffe im Nordostatlantik.
Wegen ihres Fischreichtums werden die Tiefsee-Riffe zum Opfer der
Fischereiindustrie, deren Grundschleppnetze die Korallen förmlich
platt machen. Tonnenschwere Metallplatten und Räder an den Netzen
hinterlassen eine Spur der Verwüstung. "Das ist, als ob man einen
Elefanten durch eine Manufaktur mit Meissener Porzellan jagt. Am
Ende bleibt nur ein Scherbenhaufen übrig", erläutert WWF-Experte
Christian Neumann. "In manchen Regionen sind schon bis zu 50
Prozent der Riffe verloren. Die Uhr für die Tiefsee-Riffe tickt."
Der WWF verzeichnet jedoch auch Erfolge beim Riffschutz. Seit der
Ausweisung des ersten europäischen Korallen-Schutzgebiets im Jahr
1999 - des norwegischen Sula-Riffs - sind über 20 weitere
Regionen vor Norwegen, Großbritannien oder den Azoren dazugekommen.
Überall ist die Grundschleppnetzfischerei verboten. In einigen
Gebieten ist zudem auch die Öl- und Gasförderung tabu. Etwa
500.000 Quadratkilometer wurden unter Schutz gestellt. "Das klingt
viel, ist jedoch immer noch weniger als fünf Prozent des
Nordostatlantiks", erläutert Neumann. Letztlich sei es ein
Wettlauf mit der Zeit. Denn die zerstörerische Fischerei auf Hoher
See breite sich angesichts leer gefischter Küsten immer weiter aus.
Der WWF fordert ein weltweites Verbot zerstörerischer
Fischereimethoden in sensiblen Lebensräumen.
Erst am 19.Dezember hatte der EU-Ministerrat ein
Grundschleppnetzverbot für vier insgesamt 2.500 Quadratkilometer
große Riffgebiete vor Irland erlassen. Dies sei zwar ein Schritt in
die richtige Richtung. Die EU habe es jedoch versäumt, ein
vollständiges Fischereiverbot - wie Irland es gefordert hatte -
umzusetzen. Eine vernünftige Kontrolle der Schutzmaßnahmen werde
dadurch erschwert, so der WWF.
Die erst in den letzten Jahrzehnten entdeckten Kaltwasserkorallen
sind mit ihren Schwämmen, Seesternen, Seeigeln und vielfältigen
Tiefwasser-Fischen das europäische Äquivalent zum australischen
Great Barrier Reef. Die Korallen wachsen in der kühlen Tiefsee
langsamer als in tropischen Gewässern. Die Regeneration einmal
zerstörter Riffe dauert, wenn überhaupt möglich, mehrere Hundert
Jahre. Die Riffe bieten vielen Lebewesen eine Heimat. Über 2000
Arten konnten bisher bestimmt werden, fast täglich kommen neue
hinzu. Auch die dort lebenden Meerestiere wie zum Beispiel der
Granatbarsch vermehren sich nur sehr gemächlich. Einen besonderen
Wert haben die Lebensgemeinschaften der Tiefsee auch als
"Meeres-Apotheke", hier finden sich viele für den Menschen
hochwirksame medizinische Substanzen.