Weil die Flüchtlinge im größten Auffanglager Afrikas zu wenig
Fleisch erhalten, hat der Handel mit illegal getöteten Wildtieren
so stark angezogen, das ganze Populationen bedroht sind, darunter
auch gefährdete Arten wie Schimpansen. Zu diesem Ergebnis kommt
eine aktuelle Studie von TRAFFIC, dem gemeinsamen
Artenschutzprogramm des WWF und der Weltnaturschutzunion IUCN. Für
die Studie wurden die Orte Kagera und Kigoma im Nordwesten Tansanias
untersucht, die 548.000 Flüchtlinge beherbergen.
"Das gewilderte
Fleisch wird undercover gehandelt und nach Einbruch der Dunkelheit
gekocht", sagt WWF-Expertin Vera Reifenstein. "In den Lagern
firmiert es unter dem Namen 'Nachtspinat'. Die Flüchtlinge wissen,
dass das Fleisch illegal ist, aber sie haben keine andere Wahl." Der WWF und TRAFFIC fordern die Hilfsorganisationen auf, die
Grundversorgung mit Fleisch sicherzustellen und enger mit
Naturschutzorganisationen zusammenzuarbeiten, um das Problem zu
lösen.
George Jambiya, Hauptautor der Studie: "Die Selbstversorgung der
Flüchtlinge mit gewildertem Fleisch hat bislang übertüncht, dass
die Weltgemeinschaft nicht in der Lage ist, die Menschen ausreichend
mit Nahrung zu versorgen. Wenn es darum geht, die wahren
Hintergründe der Wilderei zu erkennen, sind die Hilfsorganisationen
auf beiden Augen blind. Man muss es klar sagen: Ohne die Wilderei
wäre die Lage in den Notunterkünften weitaus dramatischer."
In Gebieten mit vielen Flüchtlingen beobachten die Experten von WWF
und TRAFFIC häufig eine rasante Zerstörung der Natur. So werden
Wälder abgeholzt, um Feuerholz zu gewinnen, Schimpansen, Büffel
und Säbelantilopen landen in den Kochtöpfen der Hungrigen. "In
Tansania liegen dreizehn Flüchtlingslager in der Nähe von
Wildreservaten, Nationalparks oder Schutzgebieten. Wir haben keine
aktuellen Zahlen, aber Mitte der neunziger Jahre wurden in den
Lagern schätzungsweise 7,5 Tonnen Wildtier-Fleisch pro Woche
gegessen", sagt WWF-Expertin Reifenstein.
"Wenn Flüchtlinge
darauf angewiesen sind, bedrohte Affen zu essen, läuft etwas ganz
gehörig schief." Wilderei bringe zwar kurzfristige
Linderung für die hungrigen Flüchtlinge, mittelfristig berge die
Zerstörung der Artenvielfalt jedoch für ganze Regionen ein enormes
Risiko. "Keine natürlichen Ressourcen heißt in Afrika oft auch
einfach kein Einkommen", so WWF-Expertin Reifenstein. Dies
betreffe auch alternative Einkommensquellen wie den Tourismus. Um
den Menschen für die Zukunft ein nachhaltiges Auskommen zu sichern,
müssten Hilfsorganisationen viel stärker als bisher mit
Naturschutzorganisationen zusammenarbeiten.