Der Besuch der Frankfurter Buchmesse hat wie der Aufenthalt in einer Moschee, einer Kirche oder einem Tempel etwas an sich, das den Menschen zur Bescheidenheit aufruft, weil wir hier begreifen, dass nur die Bücher bleiben, wir aber vergänglich sind, und dass wir sehr klein sind neben all den Büchern, die als die Stimme der Menschheit und als ihr Gedächtnis gelten dürfen. Die Menge der hier versammelten Bücher muss gleich der legendären Vision einer sämtliche Bücher umfassenden und damit die Endlosigkeit von Zeit und Welt symbolisierenden Bibliothek einerseits Demut in uns wachrufen und uns andererseits daran erinnern, wie sehr die Menschen über nationale, historische oder sprachliche Grenzen hinaus sich gleichen und sich in ihren Zielen und Gefühlen ähnlich sind.
Wir Schriftsteller schreiben aber nun mal nicht, um angesichts von Millionen anderer
Bücher brüderliche Gefühle zu entwickeln und unsere Bescheidenheit unter Beweis
zu stellen, sondern gerade, um die ganz eigene Stimme, die irgendwo in uns steckt,
erst einmal selbst wahrzunehmen und sie danach auch für andere, für Leser, für alle
Leser hörbar zu machen. Daher verstehen wir uns darauf, in unser tiefstes Inneres
hineinzuhorchen, dahin nämlich, wo wir anders als die anderen sind. Doch da, wo wir
anders sind, stecken auch unsere Seele, unser Leib, unser Haus, unsere Familie,
unsere Stadt, unsere Sprache, unsere Geschichte. Und daran und überhaupt an allem,
was uns an den Schreibtisch drängt, merken wir dann, dass unsere eigene Identität
sich von dem, was manche als „nationale Identität“ bezeichnen, gar nicht so sehr
unterscheidet.
Jeder Schriftsteller aus einem Land, dessen Literatur weitgehend unbekannt ist,
erlebt wohl das gleiche Phänomen, wenn eines seiner Bücher in eine westliche
Sprache übersetzt wird: Da hat man aufrichtig von der Poetik oder den dunklen
Seiten des ureigenen Lebens berichtet, und die Leser und Kritiker machen darin
sogleich die Poetik und die dunklen Seiten eines ganzen Landes aus. Intimste
Visionen und persönlichste Kreativität eines Schriftstellers werden als
stellvertretende Darstellung von dessen Heimat wahrgenommen. Nicht nur in
Deutschland, sondern auch in den anderen Ländern, in denen meine Bücher dann
übersetzt wurden, hörte ich von den Lektoren, die sich um eine Leserschaft für mein
Buch bemühten, immer wieder das Gleiche: „Verstehen Sie uns nicht falsch, Herr
Pamuk, Ihr Buch ist ja ganz schön, aber für türkische Kultur und Literatur besteht bei
uns kein Interesse.“
Ich war dann so geknickt wie ein Junge, der nur aufgrund seines Geburtsortes nicht
an einer Quizshow teilnehmen darf, aber im Grunde musste ich den Leuten Recht
geben. Ich fühlte mich wie ein versponnener Gelehrter, der sich seit Jahren mit einem
abwegigen Thema beschäftigt, aber ich hatte mir das Thema ja selber ausgesucht. Ich
vergaß, dass für mich der Ausgangspunkt meiner Romane ja nicht die Türkei war,
sondern meine eigenen Sorgen und Anliegen sowie die Seltsamkeiten, die ich in der
Welt so wahrnahm, und so wie manche überzeugt sind, unter einem bösen Stern
geboren zu sein, glaubte ich an die in meinem Autorenleben tausendmal
vernommene Leier: Wer soll sich denn für einen türkischen Schriftsteller
interessieren?
Als ich mit Mitte 20 mein erstes Buch herauszubringen suchte, fragte mich ein
angesehener älterer Schriftsteller scherzhaft, warum ich denn das Malen aufgegeben
habe, wo doch ein Bild wenigstens keine Übersetzung brauche. Ein türkischer Roman
dagegen werde in keine andere Sprache übersetzt werden, und wenn doch, dann
werde in dem betreffenden Land sich kein Mensch dafür interessieren. Die gebildeten
Türken, die ich Mitte der achtziger Jahre in den USA traf, beklagten sich alle darüber,
die Amerikaner hätten keine Ahnung von türkischer Kultur und Literatur und würden
die Türkei nicht einmal in einem Atlas finden. Und wer überhaupt etwas über uns
wisse, der habe ein falsches Bild von uns oder begreife uns einfach nicht. In den
letzten zehn Jahren bin ich ziemlich viel in der Welt herumgekommen, und
abgesehen von einer Handvoll westlicher Länder höre ich überall die gleichen Klagen,
nämlich dass man von den anderen Nationen entweder gar nicht wahrgenommen
werde oder eben nicht so, wie es sein sollte. Die Vorstellungen über nationale
Identität und Volkscharakter sind von Person zu Person und von Land zu Land
verschieden, doch darin, dass man verkannt werde, herrscht weitgehend Einigkeit.
Ich erzähle in diesem Zusammenhang von mir selbst, weil ich mir zumindest einbilde,
damit die Gefühle eines großen Teiles der Menschheit wiederzugeben. Wir Türken
haben uns in den letzten hundert Jahren so missverstanden gefühlt, dass wir aus
dieser Einstellung geradezu einen Teil unseres Selbstverständnisses beziehen. Von
den anderen nicht anerkannt zu werden, ist für die meisten von uns nachgerade ein
Beweis für die Originalität und die Substanz unserer Kultur und Literatur. So wie
manche Vertreter experimenteller Literatur vielleicht zurecht darauf stolz sind, von
den Lesern weitgehend verschmäht zu werden, so gilt auch die Missachtung der
türkischen Literatur einigen geradezu als Attest für deren marginale Besonderheit.
Das mag ja angehen. Doch wer aus dem Unverstandensein einfach auf interkulturelle
Unverträglichkeiten schließt, um daraus gar noch eine gewisse Aura abzuleiten, der
leistet einem um sich greifenden gefährlichen Gedanken Vorschub, nämlich der
Vorstellung, auch die vom Westen entwickelten Ideale von Demokratie und
Meinungsfreiheit seien uns von Natur aus fremd und mit unserer Lebensart nicht zu
vereinbaren, ja dieser schlichtweg abträglich. Mit diesem Befund meine ich natürlich
nicht nur die Türkei allein.
Wir alle spüren die Verschiebungen und Verwerfungen, die sich im weltweiten
kulturellen Machtgefüge vollziehen. Die alten Zentren büßen immer mehr an
Anziehungskraft ein. Durch das rasante Wirtschaftswachstum in Indien und China und
den hochschnellenden Erdölpreis entstehen in außerwestlichen Ländern neue Finanzund
Kultur-Eliten. Nicht nur die Entwicklung der Romankunst und die Herausbildung
neuer nationaler Literaturen, sondern die Gestaltung der gesamten Buchindustrie
haben nicht zuletzt damit zu tun, wie diese neuen bürgerlichen Schichten sich
definieren. Sollen wir unsere eigene Kultur und Identität jeweils für unvergleichlich
halten und uns weiter auf den Standpunkt zurückziehen, es könne uns eben niemand
verstehen, oder werden wir in der Lage sein, den Reichtum althergebrachter Kultur
und unser Anderssein mit freier Meinungsäußerung unter einen Hut zu bringen?
Die weltweiten politischen und kulturellen Veränderungen der letzten 20 Jahre
haben Auseinandersetzungen zwischen Tradition und Moderne, wie die Türkei sie
schon seit 200 Jahren erlebt, zu einer globalen Thematik gemacht. Dass jemand die
Türkei in einem Atlas nicht findet, höre ich heute kaum noch. Und angesichts der
Tatsache, dass Hunderte von türkischen Schriftstellern und Verlegern nach Frankfurt
gekommen sind, um sich von hier aus der ganzen Welt zu präsentieren, dürften wir
uns wohl auch von dem Gefühl des Unverstandenseins ein Stück weit befreit haben.
So lässt sich denn auch unbefangener über einige unserer Erfahrungen der letzten
hundert Jahre sprechen.
Dass in diesem Zeitraum viele Bücher verboten oder verbrannt wurden, dass
Schriftsteller ermordet oder ins Gefängnis gesteckt, als Vaterlandsverräter
verschrien, ins Exil geschickt oder von der Presse systematisch niedergemacht
wurden, das alles hat die türkische Kultur nicht bereichert, sondern sie ganz im
Gegenteil verarmen lassen. Der Hang des türkischen Staates, Bücher zu verbieten
und Schriftsteller zu bestrafen, hält leider immer noch an. Aufgrund des Paragraphen
301 des türkischen Strafrechts, mit dem man Schriftsteller wie mich einzuschüchtern
versucht, werden Hunderte von Schriftstellern und Journalisten gerichtlich belangt
und verurteilt. Während der Arbeit an meinem dieses Jahr veröffentlichten Roman
brauchte ich raschen Zugriff zu alten türkischen Filmen und Liedern, was dank
YouTube kein Problem war. Heute dagegen schon. Der Zugang zu YouTube und
Hunderten von anderen in- und ausländischen Webseiten wird den Menschen in der
Türkei nämlich aus politischen Gründen verwehrt. Den Machthabern dürfte das alles
sehr recht sein, doch wir Schriftsteller, Verleger und Künstler und überhaupt jeder,
der in der Türkei aktiv oder passiv am Kulturleben teilhat, vermag diese Maßnahmen
allein schon deshalb nicht zu begreifen, weil unsere Kultur und Literatur doch
weltweit Verbreitung finden.
Nun soll aber keiner denken, dass die Schriftsteller und
Verleger sich entmutigen ließen. Die türkische Verlagslandschaft ist in den letzten
fünfzehn Jahren erstaunlich groß und vielfältig geworden. Heute werden in der
Türkei so viele Bücher veröffentlicht wie nie zuvor, und das aktuelle Angebot der
Istanbuler Buchhandlungen spiegelt meiner Ansicht nach die vielschichtige und
multikulturelle türkische Geschichte recht gut wieder. Die Schriftsteller und Verleger
als Repräsentanten dieser Geschichte sind dieses Jahr in Frankfurt. Ich kann mir
vorstellen, dass junge Autoren, die zum ersten Mal auf die Messe kommen, von der
schieren Größe der internationalen Verlagswelt ebenso erschlagen werden wie ich
selbst damals vor achtzehn Jahren. Dass sie aber, sobald sie einmal ihre eigene
Stimme gefunden haben, trübsinnig fragen: „Wer soll sich denn für einen türkischen
Schriftsteller interessieren?“, glaube ich nun nicht mehr. In diesem Sinne wünsche
ich Ihnen allen eine erfolgreiche Frankfurter Buchmesse 2008!
(aus dem Türkischen von Gerhard Meier)