Zeit zum Aufatmen, zur Hoffnung auf eine bessere Zukunft. Das Ende des Krieges in Angola bedeutet noch lange keinen Frieden. Auch wenn die tägliche Bedrohung den Alltag nicht mehr dominiert, geht es den Menschen kaum besser als in Kriegszeiten. Noch immer gehört das Land zu ärmsten weltweit und Millionen Landminen bedrohen das tägliche Leben. medico international begleitet die Menschen auf ihrem mühsamen und langwierigen Weg zum Frieden.
Mehr als nur ein neues Bein
In der Provinzhauptstadt Luena, ganz im Osten Angolas gelegen, gründete medico international 1996 gemeinsam mit Partnerorganisationen ein Rehabilitationszentrum für Minenopfer. Das innovative Projekt ist geprägt durch die Erkenntnis, dass Landminen nicht nur das Leben der Menschen bedrohen, sondern auch deren soziale Strukturen zerstören können. Das gesellschaftliche Umfeld der Minenopfer steht bei der gemeindeorientierten Sozialarbeit genauso im Mittelpunkt wie die individuelle Lebenssituation. Was bedeutet das konkret?
In der Prothesenwerkstatt fertigen lokale Techniker Prothesen für die Überlebenden von Minenunfällen an. Die Hände frei zu haben ist eine wichtige Voraussetzung dafür, das Leben wieder in die eigene Hand nehmen zu können. Insbesondere für Kinder ist es wichtig, sich ohne Krücken bewegen zu können. Einige von ihnen können mit der Prothese sogar wieder Fußball spielen. Vielen Menschen fehlt jedoch zunächst die Kraft, den mühsamen Prozess, mit einer Prothese laufen zu lernen, auf sich zu nehmen. Die Umstellung auf die Prothese stellt die Menschen vor psychische und physische Probleme, sie ruft den Unfall in Erinnerung, zudem reibt die weiche empfindliche Haut des Beinstrumpfs an der Plastikschale.
Die Sozialarbeiterinnen und -arbeiter des sog. Jango-Teams unterstützen daher die vom jahrlangen Krieg traumatisierten Menschen bei ihrem Weg, ein Leben nach dem Minenunfall aufzubauen. Sie besuchen die Patienten bereits im Krankenhaus und leisten psychosoziale Hilfestellung. In Gruppengesprächen haben die Traumatisierten die Möglichkeit, sich auszutauschen und gemeinsam nach Veränderungsmöglichkeiten zu suchen. Viele Patienten betonen, dass sie das Zentrum als einzigen Schutzraum wahrnehmen, der ihnen ein Geborgenheitsgefühl gibt und die Möglichkeit, sich mit anderen auszutauschen. Diesen Schutzraum auch auf die Lebenswirklichkeit außerhalb des Zentrums auszuweiten, haben sich die Sozialteams zur Aufgabe gemacht.
Viele der angolanischen Mitarbeiter sind selbst im Krieg aufgewachsen. Dennoch sehen sie ihre Aufgabe darin, anderen die Kraft zum Weiterleben zu geben – eine paradoxe Angelegenheit und zugleich Ausdruck von Kraft und Mut.
Den Patienten wird neben der psychosozialen Betreuung auch eine berufliche Perspektive eröffnet. So arbeiten z.B. in der Prothesenwerkstatt viele Technikerinnen und Techniker, die selbst amputiert sind. Außerdem schaffen Landwirtschafts- und Kleintierprojekte eine Lebensgrundlage für mehrere Hundert Menschen und verbessern gleichzeitig das Zusammenleben und –arbeiten von Behinderten und Nichtbehinderten. Ein wichtiger Schritt zum Aufbau zivilgesellschaftlicher Strukturen in Angola.
Und das Projekt wächst weiter: Minenaufklärer, die in Luena die Bevölkerung, vor allem Kinder, über die Gefährdung durch Minen informieren. Auch außerhalb Luenas konnten bereits über 900 Menschen mit Prothesen versorgt werden. Frauen, darunter vor allem Amputierte, bekommen durch die Vergabe von Kleinkrediten die Chance, finanziell unabhängig zu werden (Die Rückzahlquote liegt bei 100%!). Gemeindeorientierte Sozialarbeit in Luena umfasst weit mehr als nur ein neues Bein. Sie ist ein wichtiger Schritt zum Aufbau zivilgesellschaftlicher Strukturen in Angola und hilft den Menschen, ein würdiges Leben trotz der Minengefahr zu führen.