Mit einem namenlos bleibenden aufstrebenden Funktionär an seiner Seite sitzt der 45-jährige Thai an einem Samstagmorgen eine Woche vor dem vietnamesischen Neujahrsfest im Februar mit wachen Augen in der Zentrale des Jugendverbandes in der Stadtmitte von Hanoi. Der Straßenlärm, der selbst an Wochenenden nicht verebbt, dringt fast ungedämpft in das Konferenzzimmer mit den tiefen Sesseln. „Können sie unseren grünen Tee trinken?“, fragt er die Gäste aus dem Westen höflich, bevor er beginnt, zu erzählen.
Von den Chancen, die der Beitritt zur Welthandelsorganisation im Januar 2007 bietet, von den Vorteilen und Notwendigkeit einer Öffnung hin zum freien Markt, „wir sind ein Teil der Welt, wir müssen auch als solcher agieren“, meint er. Der Zusammenbruch des Sozialismus in fast allen Teilen der Welt, die isolierte Lage Cubas? „Wir haben aus den Erfahrungen der anderen Ländern gelernt und gehen unseren eigenen Weg“, erwidert er zurückhaltend, aber doch bestimmt. Marx und Lenin hätten schließlich im 19. und 20. Jahrhundert kaum die Herausforderungen der jetzigen Welt erahnen können. „Die Kommunismustheorie muss neu geschrieben werden“, findet Thai, um am Ende des Gesprächs doch noch relativierend zu erklären, dass man natürlich immer noch prinzipiell am Marxismus-Leninismus festhalte, diesen jedoch auf die spezifischen Bedingungen in Vietnam anwende.
Zensur und Kontrolle der Medien zeigen auf subtile Weise die Macht des Staates, doch die seit zwanzig Jahren forcierte, wirtschaftsliberale Doi-Moi Politik, wörtlich „Erneuerung“, sorgt für ständig steigenden Wohlstand der Massen - und somit für eine Legitimierung des Alleinvertretungsanspruches der Partei. Mit schnellen Sätzen handelt Thai China ab - „wir müssen aus deren Fehlern lernen“, drückt seine Achtung vor den aufstrebenden Sozialisten in Lateinamerikanischen Ländern aus - „ein logischer Prozess der menschlichen Entwicklung“ und sieht es als durchaus realistisch an, dass auch in Europa „in zehn, spätestens zwanzig Jahren der Sozialismus wiederkommt, auch wenn es jetzt nicht danach aussieht“.
Thai ist kein verblendeter Träumer und Weltverbesserer. Studiert in Russland und Australien, fließend in drei Sprachen und gewandt auf internationalem Parkett hat er eine Vision für Vietnam, die sich gleichzeitig in gängigem globalen Wirtschafts- und Politikverständnis ausdrückt. Marktwirtschaft und Handel mit dem Ausland? Ja, aber nicht zu jedem Preis. Export des vietnamesischen Systems im Sinne des kommunistischen Internationalismus? Nein, keine Angst, man konzentriere sich auf das eigene Land. Ist die Opposition dem Machtanspruch der Partei nicht gefährlich? Er habe keine Angst, so lange Vietnam sich so beständig entwickle wie in den letzten Jahren mit Wachstumsraten von über acht Prozent, brauche man sich vor einem Politikwechsel nicht zu fürchten. Und damit hat er nicht unrecht: Die Analphabetenquote liegt bei beachtlich niedrigen sieben Prozent, die Entwicklung ruraler Gegenden wird besonders fokussiert, neue Gesetzestexte sollen die kostenfreie Versorgung im Krankheitsfall bei unter-6-Jährigen sicherstellen.
Propagandaplakte mit Hammer und Sichel, dem roten Stern und Ho-Chi-Minh verkünden frohe Wünsche für das Neue Jahr, überall liegt Aufbruchsstimmung in der Luft. „Eine vollkommen gleiche Gesellschaft gibt es in Vietnam natürlich nicht, aber wo gibt es die schon? In Deutschland? Ich meine, nicht.“ Verbohrte Theorie ist Pragmatismus gewichen, die Vision von einer besseren Welt bleibt. „Ja, die Weltbank hat bestimmte Regularien, aber sie hat das Geld, das wir dringend für die Entwicklung unseres Landes brauchen“, schafft Thai den Spagat zwischen sozialistischer Gesellschaftsordnung und Partizipation am liberalistischen Ansatz der Weltbank und der Welthandelsorganisation.
Grassierende Armut in den ländlichen Gegenden sowie den Vorstädten, politische Häftlinge, fehlende oder unbezahlbare medizinische Versorgung sowie Zensur im öffentlichen Raum werfen ein schales Licht auf die angepriesenen Errungenschaften. Die Jugend des Landes gibt Hoffnung. 30 Prozent der Bevölkerung - Vietnam hat 82 Millionen Einwohner - sind unter 14 Jahren, frei von ideologischem Ballast suchen sie den Mittelweg. Gemeinsames Singen von kommunistischen Arbeiterliedern unter roten Fahnen und dem Konterfei des Staatsgründers Ho-Chi-Minh? Ja, aber mit dem neuesten Handy in der schicken Handtasche. „Die Jugend ist nicht nur die Zukunft des Landes, sondern schon der Hausherr“, meint Thai lächelnd.